Die Umwege des Lebens 5/8

 

Jean-Christophe II

Der Neuankömmling in meinem Krankenzimmer hat tätowierte Haut und eine schmerzverzerrte Fratze. Er wird von einer schönen Frau begleitet, die versucht, ihm so gut wie möglich zu helfen. Von seiner brennenden und übermäßig geschwollenen Wange in Beschlag genommen, nehmen sie keine Notiz von mir. Ihre leise Unterhaltung wird von regelmäßigen Schmerzspitzen des Patienten unterbrochen, die ihn laut Schimpfen lassen.

 

Die abendliche Ruhe und die Beruhigungsmittel helfen, und mein Nachbar wird munterer. Nach und nach gelingt es ihm, seine Umgebung zu betrachten. Seine Freundin ist weg und …

– Hallo, ich bin Alain!

Wir erzählen unsere jeweiligen Missgeschicke und stellen uns so einander vor und was für eine Überraschung: Er heißt auch Jean-Christophe! (?)

Als der Herr mich am nächsten Tag noch einmal genau dasselbe fragt wie den vorherigen Jean-Christophe, zögere ich nicht einmal mehr und frage ihn direkt:

– Glaubst du an Gott?

Mein neuer Nachbar antwortet mir:

– Ich habe aufgehört, daran zu glauben, als mein 13-jähriger Sohn gestorben ist!

Ich bin sprachlos, denn der erste Jean-Christophe hatte mir das Gleiche gesagt (?!). Ich lasse mir mein Erstaunen in diesem Moment nicht anmerken, um diesen göttlichen Wink besser in mir einwirken zu lassen, langsam überkommt mich Frieden. Ich lächle innerlich dem Herrn zu. Auf diese Worte folgt ein tiefer Austausch.

 

Das Chaos des Glücks

Eine Erinnerung führt zur nächsten, und so teilt er mir anschließend eine weitere Katastrophe in seinem Leben mit. 

Nachdem er betrogen worden war, verlor er Frau, Haus, Geld und Arbeit. Angewidert nimmt er die 2000 Euro, die er noch hat, kauft sich ein Ticket für das erste Flugzeug nach Asien und verschwindet. Ohne jegliches Geld begibt er sich mit seinem Rucksack auf Abenteuer. Er wird von etwas angezogen, das tiefer geht als der Sinn des Lebens, das er bislang geführt hat.So hat er sich auch in den Kopf gesetzt, die Überreste alter Tempel zu besuchen, die in der Wildnis verloren gegangen sind. Auf dem Weg dorthin wird er von Familien aufgenommen, die zwar sehr arm sind, aber auf alles verzichten, um ihm eine Mahlzeit anzubieten. Das ihn völlig erschüttert. Ihm wird klar, dass er sein Leben damit verschwendet hat, es gewinnen zu wollen, obwohl es höhere Werte gibt.  

An diesem Punkt der Geschichte stelle ich ihm eine zweite Frage:

– Wenn du auf die Jahre zurückblickst, würdest du dieses Drama, das du mir gerade erzählt hast, als Unglück oder als Glück bezeichnen?

Jean-Christophe von meiner Frage etwas durcheinander, denkt lange nach und sagt dann mit einer neuen Perspektive, ohne zu zögern:

– Ein Glück…!

 

Von seiner eigenen Antwort überrascht, habe ich den Eindruck, dass er etwas realisiert hat, was für sein Leben wichtig ist.

 

Die Geschichte mit meinem Zimmernachbarn ist noch nicht zu Ende, aber ich wollte diese Episode mit dieser überraschenden Schlussfolgerung von Jean-Christophe beenden. 

 

Gebet

Ich weiß, Herr, dass man Prüfungen erst nach Jahren verstehen kann… Aber lass uns wenigstens bei jedem „Unglück“, das uns widerfährt, voll und ganz auf Dich vertrauen, frei von jeder eitlen und selbstzerstörerischen Verbitterung…

Fortsetzung folgt

 

 


 

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